Dies ist die Fortsetzung des vorhergehenden Kapitels.
5.1 Externe Dynamik
Zur Bestimmung der größerskaligen (externen) Dynamik sind einerseits
Stromlinien und Windfeldanalysen in verschiedenen Niveaus hilfreich.
Andererseits gibt eine Analyse der relativen Windfelder im Bodenniveau
weitere Hinweise auf die Hauptkonvergenzzone des Squall Line Systems. Beide
Analysen wurden beim GATE Squall Line System durchgeführt:
Die Stromlinienanalysen zeigen zu jedem Meßzeitpunkt der Entwicklung des Systems
eine bodennahe Konfluenzzone, welche die aktuelle Lage der ITCZ markiert.
Im 850hPa-Niveau zeigt das Stromlinienfeld eine flache Störung, bei welcher
es sich um eine AEW handelt (nähere Spezifikation
des Typs dieser Welle siehe im Artikel von Houze, 1977).
Im 700hPa-Niveau wurden die stärksten Winde zwischen dem Rücken
und dem Trog der AEW beobachtet. Um 18 GMT ist das Squall Line
System voll entwickelt. 6 Stunden später, also um 00GMT, läßt sich
in Abbildung 4 eine geschlossene zyklonale Strömung in diesem Niveau
identifizieren. Zu allen drei Zeitpunkten kann man eine starke Windscherung
(am Boden: Südwestpassat, in 700 hPa: AEJ) erkennen.
Abbildung 4: Stromlinienfelder zu drei
verschiedenen Zeitpunkten, jeweils vom Boden (Surface), vom 850hPa-Niveau,
vom 700hPa-Niveau sowie vom 200hPa-Niveau. Eingezeichnet ist auch die jeweilige
Lage der Squall Line, und die dicken Pfeile an diesen Squall-Fronten sind
proportional zur Verlagerungsgeschwindigkeit des Systems.
Das 200hPa-Niveau ist zu allen Zeitpunkten der Entwicklung des Squall Line
Systems durch divergente Strömungen ("upper level outflow") gekennzeichnet,
wobei man um 18 GMT sogar eine antizyklonale Höhenströmung erkennt.

Abbildung 5: Winde relativ zur Squall Line zu drei verschiedenen Zeitpunkten, jeweils für die Niveaus Boden (Surface -> S), 850hPa -> 8, 700hPa -> 7 und 200hPa -> 2.
In Abbildung 5 sind zu den entsprechenden Terminen die Winde relativ zur
Squall Line in 4 verschiedenen Niveaus (Surface, 850, 700 und 200 hPa)
dargestellt. Zu allen drei Beobachtungszeitpunkten findet man in den unteren
beiden Niveaus ein relatives Einströmen in die Squall Line, während die
direkt gemessenen Absolutwinde dort weitgehend parallel dazu wehen. Im 700
hPa-Niveau hingegen erkennt man um 18GMT eine deutliche relative Windkomponente
von der Rückseite her in die Squall Line, welche auch in anderen vermessenen
Squall Line Systemen nachgewiesen werden konnte. Diese stellt eine typische
Charakteristik dar, welche primär durch den AEJ herrührt. In Abbildung 7
(links) sind die relativen Normalwinde als Höhenprofile zu den drei Zeitpunkten
dargestellt. Hier erkennt man das Einströmen in mittleren Schichten auf der Rückseite
der Squall Line besonders gut.
5.2 Interne Dynamik
Über die internen Strömungsverhältnisse des Squall Line Systems vom 4./5.
September 1974 gibt das nachstehende Bild einen schematischen Überblick.
Die Abbildung dient gleichzeitig als Anhaltspunkt für die folgenden Erläuterungen:

Abbildung 6: Schematischer Querschnitt durch ein
Squall Line System. Die Stromlinien zeigen jeweils Relativströmungen.
Die schattierten Regionen kennzeichnen Gebiete mehr (dunkelgrau) oder weniger
(hellgrau) starker Radarechos. - Quelle: Houze, 1977
Unterhalb der "leading edge" der Squall Line am linken Bildrand
sind die konvektiven Downdrafts eingezeichnet, welche die vorgelagerten
feuchtwarmen Luftmassen dynamisch heben. Dadurch wird die Bildung immer
neuer Cb’s ermöglicht, welche sich im weiteren Verlauf in den Hauptbereich
der Squall Line eingliedern und letztlich nach der Überschreitung des
Reifestadiums in den nachschleifenden Amboss übergehen. Allerdings ist in
diesem Zusammenhang auch darauf hinzuweisen, daß während der
GATE-Squall Line auch Zellen beobachtet wurden, die dem Squall Line Systeme
relativ weit vorausliefen und erst später eine neue "leading
edge" bildeten. Dies impliziert, daß diese neuen Zellen auch
unabhängig von diesen Abwind-Triggermechanismus entstehen können.
Hinter der Hauptgewitterlinie ist am Boden eine durchgehende bodenahe, stabile
Schicht zu erkennen. Diese entsteht einerseits durch das rückwärtige
Ausfließen der convective downdrafts (duchgezogene schwarze Linien) und
andererseits durch die mesoskaligen Abwinde (helle Pfeile).
Das "melting band" kenzeichnet die den stratiformen Bereich, innerhalb
dessen die Eisteilchen (Schneekristalle und Graupeln) schmelzen. Er zeigt sich in
den Radardaten speziell als ein Band verstärkter Radar-Echos.
6. Thermodynamik des GATE Squall Line Systems vom 4./5. September 1974
Die Thermodynamik des GATE Squall Line Systems wurde anhand von Vertikalprofilen
der spezifischen Feuchte sowie der äquivalent-potentiellen Temperatur untersucht,
welche aus 3-stündigen Radiosondierungen, welche auf dem Forschungsschiff
"Oceanographer" (siehe Abbildung 3 für die Position auf dem Atlantik)
gestartet wurden, resultierten.

Abbildung 7: Links ist die relative Windkomponente normal zur Squall Line zu drei verschiedenen Zeitpunkten dargestellt. (durchgezogen: 12 GMT, gepunktet 15 GMT und gestrichelt 18 GMT des 4. September 1974). Rechts erkennt man Vertikalprofile der äquivalent-potentiellen Temperatur, ebenfalls zu den genannten Zeitpunkten (analoge Linien). Quelle: Houze, 1977
Bei Betrachtung der relativen Normal-Windkomponenten (normal zur Squall Line!)
in Abbildung 7 (links) läßt sich um 12GMT unmittelbar vor dem
Durchgang der Squall Line in allen Niveaus ein Einströmen in Richtung
der "leading edge" erkennen, während um 18GMT (hinter der Squall Line)
unterhalb des 800hPa-Niveaus sowie oberhalb des 470hPa-Niveaus die Luftmassen
ausfließen. Dazwischen, also in der unteren und mittleren Troposphäre,
erkennt man zu diesem Zeitpunkt ein Einströmen trockenerer und kühlerer
Luftmassen in die Aufwindzentren der einzelnen Gewitterzellen ("Squall
Line elements").
Die Betrachtung des entsprechenden Verlaufs der Vertikalprofile
der äquivalent-potentiellen Temperatur zeigt deutlich, daß
diese kühleren und trockeneren Luftmassen im Laufe des Lebenszyklus
des Squall Line Systems durch entsprechende Abwinde in tiefere Niveaus
transportiert wurden. Umgekehrt erkennt man in höheren Niveaus eine Zunahme
der äquivalentpotentiellen Temperatur. Diese rührt vom dem
entsprechenden Transport von feuchtwarmer Luft aus der Grenzschicht in höhere
Niveaus durch die Gewitterzellen her. Insgesamt belegt dieser zeitliche Verlauf
der Profile der äquivalent-potentiellen Temperatur die stabilisierende
konvektive Umlagerung der Atmosphäre.
Es sei noch darauf hingewiesen, daß das Profil der äq.-pot. Temp. vor
dem Durchgang der Squall Front typisch für die Tropen ist: Man beobachtet
dort relativ hohe Werte in tiefen und hohen Niveaus, während man in etwa
700hPa (über dem Meer) bzw. 500 bis 600hPa (über Land) ein Minimum findet.
Fazit und Hinweise zur Numerik
Tropische Squall Line Systeme sind von großem meteorologischem
und hydrologischem Interesse, da sie u.a. in einem Gebiet Westafrikas
auftreten, in welchem Niederschlagsereignisse insgesamt selten, meist nur
lokal und zudem jahreszeitlich begrenzt auftreten: nämlich im Gebiet
der Sahel-Zone südlich der Sahara. In diesem Gebiet sind es vor allem
durchziehende Squall Line Systeme sowie generell mesoskalige Konvektionskomplexe,
welche in einem kurzen Zeitraum von wenigen Stunden erhebliche
Niederschlagsmengen liefern. An der Jahresniederschlagssumme haben diese
konvektiven Niederschlagsereignisse einen hohen prozentualen Anteil (bis über 75%).
Ein detailliertes Wissen über die Entstehungsursachen und den Lebenszyklus
von Squall Line Systemen ist auch für eine möglichst korrekte numerische
Modellierung von organisierten mesoskaligen tropischen Konvektionskomplexen
(speziell von Squall Lines) essentiell. [ Hier liefern Meßkampagnen
wie GATE wichtiges Datenmaterial zur Validierung. ]
Den meisten numerischen Studien zu Squall Lines liegen rein zweidimensionale
Modelle zugrunde deren Ziel es ist, die interne dynamische Struktur, welche
in Abbildung 5 für das Reifestadium eines Squall Line Systems gezeigt
ist, in ihrer zeitlichen Entwicklung korrekt wiederzugeben. Da reale Squall
Lines jedoch, wie oben gezeigt, von ihrer Grobstruktur her am ehesten dem Modell
eines klassischen konvektiven Multizellensystems entsprechen, werden die
vorhandenen Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Squall Line Elementen
nicht erfaßt. In jüngerer Zeit kommen daher auch vermehrt dreidimensionale
Strömungsmodelle zum Einsatz (z.B. Nicholls und Weissbluth, 1988).